In diesen Lokalen tanzt Wien an
Ballsaison in Wien: Wo Sie sich für den Walzer stärken können, lesen Sie hier.Spätestens gegen 24 Uhr abends wird es auch dem ausdauerndem Ballgast klar: es war doch keine gute Idee, aufs Abendessen vor dem Ereignis zu verzichten. Jetzt heißt es, am Ballbuffet virtuos überteuerte Wiener Schnitzel oder Frankfurter Würstel oder auch mangelhaft frische Sushi zu erstehen, um dem plötzlichen Tod auf dem Parkett wegen Unterzuckerung auszuweichen. Das Würstelessen zum Beispiel nach Mitternacht in den Seitengängen des großen Saals des Musikvereines hat zweifellos einen eigenen perversen ästhetischen Reiz. Während man damit beschäftigt ist, keinen Senf oder Kren auf den Kragen (er) oder ins Dekolleté (sie) zu bekommen, versucht man gleichzeitig etwas zu kommunizieren, was nicht vollkommen daneben ist. Für Ballgeher gehört das zum Spaß, doch der kulinarische Mensch wird damit nicht glücklich.
Die Alternative zu Sacherwürstel mit Senf
Er fragt sich also: Wo stärke ich mich vor dem Ball angemessen und elegant, und auch so leicht, dass die erste Walzerderehung wegen der Trägheit der Masse nicht in einem Unfall endet? Und wo stillen wir unseren Appetit nach einem kräftigen Aprés in den frühen Morgenstunden? In der Nähe von Musikverein, Oper und Hofburg finden sich praktischerweis ein paar der feierlichsten Restaurants Wiens, von denen manche auch zu den Besten der Stadt gehören. Beginnen wir doch einmal mit dem Sacher (1010 Wien, Philharmonikerstraße 4, Tel.: 43 1 51 456 ). Nur wenige erinnern sich noch an die Zeiten, als das ehrwürdige Hotel vom österreichischen Gault Millau so gebasht wurde, dass die Grießnockerl in der Suppe zitterten und der Schnittlauch aus der Sauce floh. Mittlerweile, ein paar Testergenerationen später, erfreuen sich die kulnarischen Angebote von Frau Gürtler großer Beliebtheit, und ist am Abend vor dem Opernball so gerammelt voll, als ob es Würstel und Bier gratis gäbe. Haben sie aber nicht.
Wo der Service nicht einmal das Platzen der Frackweste moniert
Statt dessen gibt es die berühmte und durchaus schätzenswerte Sachertorte - allerdings aus Gänseleber. Und Tafelspitz, sowie einige Zitate der internationalen Hochküche. Hier sitzt die Gesellschaft in einem der schönsten klassischen Restaurant der Stadt, zu denen das Restaurant Anna Sacher auch nach dem dezenten Facelifting durch Philippe Starck immer noch zählt. Sein Ruf wird immer besser. Manche bevorzugen aber immer noch den roten Salon mit Blick auf den Hintern der Oper, wo die Küche so streng konservativ ist wie die Einrichtung. Der Service in beiden Restaurants ist hervorragend und dezent, selbst dann, wenn dem Herrn nach dem zweiten Zuschlag vom Erdäpfelschmarrn die Frackweste platzt. Auch die kleine blaue Bar hat ihren Reiz, in ihr darf zwar nicht geraucht werden, aber es gibt köstliche kleine Häppchen zum Champagner, so dimensioniert, dass Madame sogar nach dem dritten Nachschlag garantiert noch ins Ballkleid passt.
Leider vorbei: das Korso bei der Oper
Die Zeiten, wo das Korso bei der Oper (1010 Wien, Wahlfischgasse 2, Tel.: + 43 1 515 16 546) einem großen Ball zu besuchenden Lokale mitspielte, sind definitiv vorbei. Die in Ehren ergrauende Servicemannschaft rund um den großartigen Maitre Palm kreist um einfach gedeckte Tische, meistens leer, wo eine Küche serviert wird, wie sie auch in Tokio oder Wiener Neustadt nicht schmeckt: gesichtslos und ohne Bemühen. In der Bristolbar ist immer noch ein Hauch von Noblesse zu spüren, doch zum Martini gibt es die Einheitsnüsse aus der Großpackung und das Weißbrot zu den Sacherwürsteln ist blasser als der Gast, wenn ihm die Rechnung präsentiert wird. Echt schade um eine der ehemals besten und schönsten Hotelbars der Stadt. Das ehrwürdige Imperial (1015 Wien, Kärntner Ring 16 Tel.: +43 1 501100) bietet herausragenden Glamourfaktor und eine Küche, die sich - allerdings wahrscheinlich ohne es zu planen - ziemlich dem Retrotrend verschrieben hat, was ja im Zusammenhang mit dem Konsi-Ereignis Ball nicht so daneben ist. Die Säle sind prunkvoll, in denen man sich zum Beispiel vor dem Philharmonikerball trifft, um sich gegenseitig der Hochschätzung und Wichtigkeit zu versichern.
Zwei Highlights: Nickol und Reitbauer
Besonders zu empfehlen ist ein Tisch im Café des Hotels, wo es ruhiger zu geht, und das Schnitzel schmeckt, sicher der Signature Dish des Staatsgasthotels. Vor den Bällen im benachbarten Musikverein pflegen die Preise übrigens besonders hoch zu sein, was man von der Qualität nicht immer behaupten kann. Die Bar des Imperial zählt zu den schönsten und besten Hotelbars der Stadt. Wer lieber genial behandelte Gemüse statt Schnitzel zu sich nimmt, ist beim besten Koch der Stadt auch in Frack und Ballkleid gut aufgehoben. Heinz Reitbauer kocht zur Zeit in Höchstform und muss auf dieser Seite nicht mehr gesondert vorgestellt werden. In der Meierei des Steirereck im Stadtpark (1030 Wien, Am Heumarkt 2, Tel.:+43 1 713 31 68) gibt es ein ganzes Kompendium an Austern und natürlich eines der besten Schnitzeln der Stadt, was zu einer Ballnacht auch irgendwie besser passt als gut gereifte Käse oder Stutenmilch. In der oberen bis obersten Liga spielt auch das Restaurant Silvio Nickol (1010 Wien, Palais Coburg. Coburgbastei 3, Tel.: + 43 1 51818 800). Seine Menüs sind Abenteuerreisen in die Welt international inspirierter Teller-Events. Nickol und seine Küchencrew geben aromamäßig ganz schön Gas und zaubern Gänge, die man nicht so leicht vergisst: eine neu interpretierte Version von Spaghetti Carbonara oder eine Etouffé-Taube. Caviar kommt zum Einsatz, aber auch seltene Kräuter oder Gemüse. Der Weinkeller des Coburg gehört ja, wie man weiß, zu den besten der Stadt. Das Ganze ist hochelegant inszeniert und preislich angemessen, doch der rechte Wiener Glamour mag sich in dem schlauchartigen Gourmettempel immer noch nicht wirklich einzustellen. Die Crew aus jungen, bestens ausgebildeten Service-Leuten macht Freude. Steirereck und Nickol spielen in der Wiener Oberliga. Einstweilen hat Heinz Reitbauer punktemäßig noch die Nase vorn.
Für sonnige Gemüter und Abenteurer
Lustig und in Opernkünstlerkreisen seit gefühlten Jahrtausenden beliebt ist auch das Il Sole (Annagasse 6-8 1010 Wien.Tel. +43 (0)1 / 513 40 77), wo der Patron auch dem dahergelaufenen Frackträger für kurze Zeit das Gefühl gibt, es wäre ein kleiner Welser Möst oder Mayer. Hier regiert der italienische Schmäh, der fast genauso hinterfotzig ist wie sein Wiener Verwandter, nur mit mehr Sonne im Gesicht. Das Essen ist dann brave Nebensache, die Wartezeiten verkürzen die Gäste sich mit frischem Pizzabrot in stark geknofeltem Öl - eine Garantie dafür, am nach dem Essen zu besuchenden Ball nicht zu oft zuim Tanzen aufgefordert zu werden. Die Antithese zum Zugeschnürten in Oper, Musikverein oder Hofburg ist die letzte Adresse, die wir hiermit besonders empfehlen wollen. Führen Sie ausländische Gäste aufs Holy Moly (Im Badeaschiff Wien, 1020, Obere Donaustraße 97-99c, Tel.: + 43 699 151 30 750) , großes Staunen und ein ewig in Erinnerung bleibender Abend sind garantiert. ALlein das Abenteuer mit den Ballschuhen über die Holztreppe zu tänzeln. Nein, im Ernst: Christian Petzens Wiener Küche nach seinem Wille und seiner Vorstellung und das in einem Ambiente, wie es ja im gemütlichen Wien nicht so ohneweiters geboten ist, kann sehr viel. Die Preise sind auch so, dass man auch dann, wenn man noch nicht selbst Bankvorstand ist, eine Runde von Freunden einzuladen. Essen Sie Beuschel, Kutteln und Geschmortes, den Wein bringen Sie selbst mit.