Es gibt nicht wenige, die darauf warten, dass Karl und Rudi Obauer die Ideen ausgehen, und die Energie. Dass sie anfangen, sich auf den Lorbeeren auszuruhen, einen Gang zurückschalten, einfach halt einmal so weitermachen, an Fernsehshows teilnehmen und fünfe grade sein lassen. Tun sie aber nicht. Die Obauers geben Gas, experimentieren, riskieren. Hasardieren nie, nein, sondern perfektionieren. Feilen und tüfteln an jedem Gang, schlafen noch einmal drüber, gehen einmal auf einen Berg, befragen ein Orakel … Anders ist es jedenfalls nicht vorstellbar, hier Speisefolgen von gut zehn Gängen vorgesetzt zu bekommen, von denen schlichtweg einer besser ist als der nächste. Und das, obwohl man sich schon nach dem Blaubeer-Schmalz-Leber-Aufstrich ganz zu Beginn eigentlich nicht vorstellen kann, dass das noch geht. Geht aber, schon bei den bezaubernden Petitessen, Wachtelei mit Kernöl-Balsamico-Mayonnaise, Kaninchensulz mit Orangen, alles mit der Präzision des sprichwörtlichen Schweizer Uhrmachers zubereitet, befeuert durch kreativen Wahnwitz. Reh-Gelee mit rohem Steinpilz, unglaublich, delikater Wald. Gedämpfter Zander mit Sichuan-Pfeffer, Rettich, Venusmuscheln und Gewürzsauce – Küche für den Kopf. Gegrillter Stör mit nordafrikanischer Gewürzmelange, Essig-Eierschwammerln, Avocadocreme und Forellenkaviar – unendlich befriedigend, durch die Säure (wie bei fast jedem Gang!) erfrischend, fordernd, animierend. Große Küche. Und was auch immer dieses knusprige „Wallerbrot" dazu wirklich war, wir wollen das jetzt täglich. Paprikakutteln mit Hahnenkamm und Bergkäse, die Kutteln alles andere als „mild", sicher kein Mehrheitsprogramm, grandios. Zwischendurch einmal Fenchel-Granité mit Apfel, geht nicht besser, und Kalbsniere mit Eierschwammerln, roh, fett, extrem, ein separat dazu servierter Artischocken-Raviolo als zarter, liebreizender, schmeichelnder Kontrast. Genial. Die Desserts auch, Mohn-Marille, Schwarzbeer-Kracherl, Mandel-Krokant, alles eher beruhigend, Happy End, gute Dramaturgie. Die glasweise Weinbegleitung überlegt und erstklassig, die Weinkarte selbst erscheint uns für ein Haus mit einer so experimentellen, mutigen und teilweise extravaganten Küche aber fast ein wenig zu sehr an den bekannten Größen Alter Meister verhaftet.
Wir wiederholen uns ja nur ungern, aber das Frühstück im Hause Obauer ist an sich eine Reise wert. Leider folgt es meist auf einen Schlemmerabend, und man muss sich daher fast überwinden, bei den vielfältigen Delikatessen, die einen hier am Morgen erwarten, so richtig aus dem Vollen zu schöpfen: lauwarme Fischgerichte, auf Wunsch zubereitete Eiergerichte, Fruchtsäfte mit Leinöl, Mehlspeisen, reife Käse ... Hier bekommt die wichtigste Mahlzeit des Tages eine neue, kaum erlebte Dimension.
Höchstnote für die weltbesten Restaurants
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