Im Frühling 2011 erhob die Tageszeitung „Der Standard“ den Vorwurf, das neue und kurz zuvor unter einigermaßen medialem Getöse vorgestellte Konzept des Taubenkobel sei ein Plagiat und vom Stockholmer Restaurant Frantzén/Lindeberg kopiert. Stimmen wurden laut, GaultMillau müsste dem Taubenkobel die vier Hauben aberkennen so wie die Uni Bayreuth dem deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel aberkannte. Das könnten wir natürlich machen. Wenn man im Taubenkobel schlechter essen würde als im Jahr davor, wenn die Gesamtheit der verkosteten Gerichte die Wertung von 19 Punkten nicht länger zuließe, wenn wir das Gefühl hätten, dass hier mit minderer Ware oder nur mittelmäßiger Motivation gearbeitet würde. Bei all unseren heurigen Tests hatten wir genau diesen Eindruck aber nicht, im Gegenteil. Wir hatten vielmehr das Gefühl, dass hier noch nie so gut gekocht wurde wie gerade derzeit. Und wir hatten auch das Gefühl, dass der Taubenkobel noch nie so sehr Taubenkobel war wie gerade derzeit. Was sich geändert hat: In dem ungemein geschmackvoll gestalteten, in zwei Jahrzehnten aus einem alten burgenländischen Bauernhaus zum Design-Refugium gewachsenen Restaurant gibt es keine Speisekarte mehr. Walter Eselböck und sein Schwiegersohn Alain Weissgerber, der nach dem vernichtenden Brand in seiner Blauen Gans in Weiden nun gleichberechtigter Küchenchef im Taubenkobel ist, kochen jeden Tag ein anderes Menü aus Dingen, die „reif und frisch und besonders“ sind. Das ist eine Mischung aus Taubenkobel-Klassikern, die aber unter dem neuen Gesichtspunkt der Authentizität noch einmal überarbeitet wurden, und gemeinsam erarbeiteten, gänzlich neuen Gerichten. Wohl nur selten wurde eine Region, ein Bundesland aromatisch und kulinarisch so thematisiert wie hier im Taubenkobel – wenn man sich darauf einlässt, genießt man hier nicht einfach ein großartiges Essen, sondern erlebt einen Landstrich als begeisternde, kulinarische Symphonie. Die Möglichkeiten, sich die Sonaten und Sätze dieser Symphonie auszusuchen, sind da natürlich minimal, man wird zu Beginn aber nach Unverträglichkeiten und Aversionen gefragt. Unsere Maßanfertigung: eine Hommage an den Wiener Gabelbissen – im Plastikschüsserl servierte Neusiedlersee-Fische mit leichter Gemüsemayonnaise, einem Wachtelei, frischen Gartenkräutern, abgerundet durch eine gelierte Consommé. Das hat Suchtpotential und findet hoffentlich Eingang in die Liga der „Signature Dishes“. Kaum weniger großartig die mit Kalbsfarce gefüllten Maimorcheln mit Wildkerbel und Anis-Kümmel-Fonds. Bei den servierten Bärlauchschnecken mit „Etwas vom Kalb“ setzte sich die elegante Küchenlinie fort. Überraschend entpuppte sich „etwas vom Kalb“ als Kutteln, perfekt zubereitet. Beim Neusiedlersee-Wels in Hallstätter Natursalz mit Waldmeister und Grillspargel gab es leichte Tellervariationen. Auf manchem war der Wels großartig am Punkt gegart, auf manchem Teller war die Fischkonsistenz breiig und der Fisch fade. Wels-Leber und das Grillspargelragout entschädigten uns aber sofort dafür. Ein Hauptgang mit Klasse – das Vielerlei vom Ziegen-Kitz. Ob Rücken gerollt und paniert, ob Butterschnitzerl mit einer Kitz-Nierenscheibe, ob die Kitz-Leber oder auch das Geschmorte, es war perfekt und verwöhnte unseren Gaumen. Ein Kompliment an den Service: Die zu Beginn geäußerten Einschränkungen wurden bis zum Schluss umgesetzt. Niemand bekam etwas, was er nicht wollte. Dafür haben wir mehr Wein getrunken, als wir eigentlich vorhatten. Drei Weinbegleitungen werden angeboten, eine „österreichische“, eine mit den Weinen des Gut Oggau (Tochter Stefanie und Schwiegersohn Eduard Tscheppe) und eine mit faszinierenden biodynamischen, teilweise experimentellen Weinen aus ganz Europa, eine alkoholfreie Begleitung mit bisweilen extravaganten Obst- Gemüse- und Kräutersäften gibt es ebenso.
16 Zimmer und Suiten wurden in den vergangenen zehn Jahren in zwei alten Nachbar-Bauernhäusern untergebracht. Jedes der Zimmer sieht anders aus, ist anders gestaltet, ein Mix aus modernem Design, einer Nuance Asien, überaus individuell gestalteten Bädern und Drucken prominentester zeitgenössischer Künstler aus Österreich ist allen eigen. Das Ensemble aus renoviertem Alt und luxuriösem Neu, aus Bäuernhäusern, einem kreisrunden Badeteich mit Buxbaum-Umflorung und lustvollen Pavillons auf verwitterten Teak-Stegen ist jedenfalls einzigartig. Das Wellness-Angebot beschränkt sich auf eine Sauna, aber das reicht hier definitiv. Sehr angenehmer Nebeneffekt der nicht gerade billigen Übernachtung ist ein sagenhaftes Frühstück. Shuttle-Service.
Höchstnote für die weltbesten Restaurants
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