Heulen und Zähneknirschen allerorten, der Befund der Gastro-Journaille war einhellig: Die Wiener Spitzengastronomie stünde vor dem Abgrund, nachdem nun auch das schicke Innenstadt-Restaurant mit dem durch Bank-Skandale in Verruf gebrachten Namen seine Pforten geschlossen habe, ruhten alle Hoffnungen einzig und allein auf Heinz Reitbauer. Abgesehen von der Fragwürdigkeit dieses Befundes stellt sich die Frage, wie der zum Retter stilisierte Steirereck-Koch mit dieser Bürde umgeht. Die Antwort ist ebenso einfach wie erfreulich: Er kocht so gut wie nie zuvor. Die Karotten mit Apfel-Rohkost-Marmelade und Erdnussöl sind ein erfrischender, aber noch mäßig aufregender Auftakt, doch dann geht es so richtig los. Gillardeau-Austern mit Buttermilch und Erbsen bieten intensiven Geschmack und hochfeine Aromatik, der Stör mit Kopfsalat, Avocado, Paradeisern und Zitrone klingt überladen, geht sich aber im Zusammenspiel wunderbar aus, der Cremespinat mit Ei und Morcheln erinnert stilistisch an den baskischen Groß-Meister Martin Berasategui. Wenn man einen Abend lang nur das zu essen bekäme, wäre es auch fantastisch. Aber dann würde man die nächsten Höhepunkte versäumen, und das wäre unverzeihlich, ist doch der Maine-Hummer mit in Nussbutter sautierten Buchenraslingen (ein japanischer Speisepilz) geradezu exemplarisch für Reitbauers dieser Tage unübertreffliche Stilsicherheit: Mut zur Geschmacksintensität, die immer wieder durch Raffinement im Detail überraschen kann und dadurch unverwechselbar ist. Bei den Hauptspeisen überzeugt der gegrillte Rieddeckel durch perfekte Zubereitung und wird noch von einer im Ganzen gebratenen Taube übertroffen, deren unglaublich saftige Konsistenz einem neue Dimensionen zum kulinarischen Potenzial dieses Vogels eröffnet. In diesem Sinne: Raunz nicht, lauf. Nämlich in den Stadtpark, wo man mit Heinz Reitbauer in der Form seines Lebens einen Abend lang glatt alle Krisen vergessen kann.
Steirereck im Stadtpark Familie Reitbauer
Wiens einziges Luxusrestaurant ist das Steirereck nun nicht mehr. Doch während andere sich erst Profil und Klientel erarbeiten müssen, kann dieses Lokal seit Langem mit beidem aufwarten. Ohne in hemmungslose Lobeshymnen verfallen zu wollen – heuer präsentierte sich hier alles in Höchstform. Allein dieses mit Aufmerksamkeit und professioneller Nonchalance agierende Serviceteam sucht seinesgleichen. Atmosphärisch wird hier die große Oper eines Spitzenlokals mit einem gehörigen Schuss Herzlichkeit geboten. In der Küche hat Heinz Reitbauer seinen Stil noch klarer definiert. Zum Genuss seiner Gerichte muss man sich nicht überlegen, wie die Summe unzähliger Dinge ein Ganzes ergeben könnte. Reitbauer bildet Summe selbst, seine Speisen sind ein Ganzes, meist nach dem Prinzip einer vielschichtigen Harmonie aufgebaut, wobei seltene Pflanzen ein Leitthema darstellen. Dazu einige wenige Beispiele aus dem Menü. Beim Saibling im Bienenwachs mit Gelber Rübe, Pollen & Rahm wird bei Tisch das Fischfilet in einen Rahmen mit Heißwachs eingegossen, eine dem Confieren verwandte Garung, die Gelbe Rübe schmiegt sich geschmacklich an, Rübenessenz mit Apfel bringt Frische, „Caviar-Pollen" – winzige Kügelchen aus getrockneter Rübe – sorgen für Gaumenreiz, Basilikum-Kresse bringt einen Hauch Kontrast. Wer die kleinen Info-Kärtchen zu jedem Gang studiert, kann den Aufwand erahnen. Beim subtilen Schleien-Gang übernehmen Poveraden (eine Artischocken-Spielart) und als Aromaten Shiso, Taglilien und das Kraut Fette Henne die weiteren Hauptrollen. Soll heißen: Niemals entsteht der Eindruck, die raren Pflanzen seien bloß Beiwerk zum Fleisch, es verhält sich symbiotisch. Auch beim Rehbock vom Hochschwab, zweifellos einem unsagbar wunderbaren Fleisch, das hier gedämpft und mit Blütenkohl, roh mariniertem Kohlrabi und gedämpfter Pastinake in Haselnussöl zu einer geschmacklichen Komplexität findet, deren Huldigung hier keinen Platz finden würde. Das ist sehr, sehr, sehr besondere Küche. Aus Platzmangel seien nur pauschal die Ideen der Patisserie gelobt, aufwendigste Konstrukte, die noch einmal Hochspannung am Gaumen zu erzeugen vermögen.
Höchstnote für die weltbesten Restaurants
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