Würde Norbert Niederkofler in Österreich kochen, er wäre vermutlich der unumstrittene Doyen unter den heimischen Top-Köchen. So aber gilt er noch immer als Geheimtipp und man muss einen weiten Weg auf sich nehmen, um die unvergleichliche kulinarische Handschrift eines Mannes kennen zu lernen, der Stil, Können, Perfektion und Persönlichkeit auf eine Art und Weise vereint, die Ihresgleichen sucht. Aus den in seiner Variation von der Gänsestopfleber verarbeiteten Ideen würden andere zehn Gerichte machen. Die Kalbszunge mit Roten Rüben und Saibling hat einen geschmacklichen Abgang wie ein großer Wein. Etwas schwer einschätzbar war das süßliche Fleisch der roten Garnelen aus Sizilien in Kombination mit einer herben Steinpilzroyale mit japanischem Dashi-Fond und schwarzer Trüffel. Bei diesem Gericht kam die sonst für Niederkofler so typische Aromenabstimmung und Präzision etwas abhanden. Doch es ging umgehend wieder aufwärts: Knoblauch- und Bärlauchcreme zeigen ungeahnte Dezenz im Zusammenspiel mit einer Bachforelle. Das Rinderfilet in der Salzkruste mit Bergheu gegart kommt in zwei Gängen, klassisch in Portweinsauce sowie als Tatar und Consommé, jeweils in sensationeller Qualität. Der Lammbauch wird von Gelben und Roten Rüben, Kohlrabi und Radieschen begleitet, und jedes einzelne Gemüse ist hier ein Erlebnis an Intensität, übertroffen noch von der Schweinsschulter mit Ofenauberginen und Erdäpfel-Yuzu-Püree – wie hier Fett als Geschmacksträger eingesetzt wird, zeugt von großer handwerklicher Meisterschaft und hinterlässt einen Nachgeschmack, bei dem man sich wünscht, er möge niemals aufhören. Niederkofler setzt nicht auf Show-Effekte. Seine Küche wird immer puristischer und regionaler. Und auch selbstbewusster. Als Desserts kommen eine Tarte tatin und „Heiße Liebe“. Darf man das in der Haute Cuisine? In dieser fantastischen Qualität zweifelsohne. Hier zeigt ein Koch, wie man in Zeiten rasant wechselnder Trends einen eigenen, unverwechselbaren Weg finden kann. Hoffnung leuchtet am Horizont, und dorthin ist es eben ein langer Weg.
Auf 1.535 Metern liegt das Traditions-Hotel der Familie Pizzinini, und dass sie mit dem Spruch „der Gipfel des Wohlbefindens“ durchaus zu Recht für ihr Haus wirbt, hat sie vor allem Meisterkoch Norbert Niederkofler zu verdanken. Seine Top-Leistungen im Restaurant überstrahlen die Tatsache, dass Komfort und Ambiente so mancher Zimmer schon ein wenig in die Jahre gekommen sind und auch angesichts der verlangten Preise ein bisschen Relaunch vertragen könnten.
Höchstnote für die weltbesten Restaurants
Höchste Kreativität und Qualität, bestmögliche Zubereitung
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