Routine und Thomas Riederer sind irgendwie offensichtliche Widersprüche. Nichts ist so, wie es a) ökonomisch sinnvoll wäre, wie es b) andere in der Südsteiermark machen oder es c) bei einem großen Publikum ohne tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Materie Beifall hervorruft. Wir mögen so etwas. Vor ein paar Jahren übernahm Riederer das alte Leutschacher Gasthaus, renovierte mit Bedacht und Geschmack in Richtung Landhaus-Restaurant und legt hier eine Küche vor, wie man sie nur (mehr) selten sieht: unendlich kreativ, schon recht verspielt, so detailreich, dass sie hin und wieder ein bisschen den roten Faden verliert, ganz stark in der Gegend verwurzelt, aber gänzlich ohne erhobenen Regionalitäts-Zeigefinger. Dafür mit sehr viel Humor. Und das mögen wir erst recht. An die Menüs kann man sich natürlich halten, nur wird einem das hier nicht nahegelegt, und es tut hier auch niemand. Man lässt Tom kochen, man lässt sich von Katarina Riederer die Weine dazu servieren. Man selbst sollte wache Sinne und ein offenes Wesen mitbringen. Und dann kommt eine Crème brûlée vom Sulmtaler Huhn mit Erdnüssen im Eierbecher, damit man einmal weiß, was hier so los ist. Etwa Petitessen à la „steirisches Maki" mit Saibling, Spießchen mit Ananas und geräuchertem Ziegenkäse, Cevapcici und absolut köstlichen Lammkutteln (alias „steirischer Tintenfisch"). Die flüssigen Mixed Pickles dann eher originell als gut. Das Entenleber-Parfait mit Heidelbeeren und Entenleber-Eis war ein klassischer Dreihauber, der Riegel aus Gurke und Frischkäse mit roher Garnele, Algen, Sepiatinte und Sesamöl ebenso. Anstrengend gut. „Gerstlfisch" – Zander mit Basilikum-Spinat und Ebly – lebte primär durch den Räucherjus, das phantastische, „sous vide" butterweich gegarte Kalbsschulterscherzel mit knusprig gegrilltem Fettrand und Erdäpfelparfait wäre ohne zahlreichen Dekorations- und Variationsschnickschnack viel eindrucksvoller gewesen. Und den Eiskaffee mit Orangenlikör und Himbeersplittern bitte vergessen. Dennoch: Grandios, und sicher noch nicht am Ende seines Weges angelangt. Grandiose Weinkarte (vor allem eine Privatsammlung, die hier in Kommission verkauft wird), Übernachtungsmöglichkeit im Haus.
T.O.M. am Kochen Thomas Riederer
„Nur der Idiot wirft’s weg!“, so lautet der Titel von Tom Riederers neuem Kochbuch. Ein Motto, das auch für die kulinarischen Ideen des genialen Autodidakten zu gelten scheint. Nichts wird wieder verworfen, alles wird ausprobiert. Da wurde eine Makrele zur „Interpretation einer Jakobsmuschel“, Rote Rüben kamen mit Calamari, Garnelen und Algen auf den Tisch und das Rindscarpaccio wurde mit Spänen einer extrem intensiven Belper Käseknolle veredelt. Nicht alles war gleichermaßen spannend, aber das meiste gelang sehr gut, und Riederers Klasse blitzte auch dann auf, wenn er es klassischer anging. Die Steinpilz-Eierschwammerl-Suppe mit Blutwurst-Praline, das geschmorte Schweinswangerl mit Erbsen und Trüffel oder die Spinatcreme mit pochiertem Ei und Spargelschaum waren handwerklich top. Der hervorragende Flussbarsch mit Kalbszungenragout und Kohlrabi zeigte sich wieder etwas gewagter, und beim Dessert kam der Avantgarde-Anspruch der Küche voll zur Geltung: Schokoladekugel mit Gurkeneis. Überraschenderweise funktionierte das tatsächlich. Wie heißt es im Untertitel seines Kochbuchs: „Wie Sie aus allem etwas Schmackhaftes machen können“. Tom Riederer kann es wirklich.
Hoher Grad an Kochkunst, Kreativität und Qualität
Hoher Grad an Kochkunst, Kreativität und Qualität
Sehr gute Küche, die mehr als das Alltägliche bietet
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